Den Journalisten wird immer wieder vorgeworfen, daß sie nicht objektiv berichten. Dabei fallen auch Formulierungen wie "Lügenpresse".

An einem konkreten Beispiel wird leider erkennbar, daß die Vorwürfe - zumindest in Teilbereichen - nicht völlig aus der Luft gegriffen sind.

Der Deutschlandfunk berichtet in seinen Nachrichten am 2.1.2017 darüber, daß die Zahl der Beschäftigten mit 43 Mio. noch nie so hoch war. Eine gleiche Meldung wird im ZDF um 19.00 Uhr verbreitet. Es wird der Bevölkerung vermittelt, daß die Arbeitsmarktlage in Deutschland hervorragend sei. Der Deutschlandfunk gibt als Quelle seiner Meldung das Statistische Bundesamt an.

Eine eigene Recherche zu diesem Sachverhalt ergibt folgendes: Das statistische Bundesamt bezieht ein Teil der Arbeitsmarktzahlen von der Bundesanstalt für Arbeit und hat somit die Gesamtzahl von 43 Mio. nicht allein ermittelt. Die Bundesanstalt für Arbeit wiederum bezieht sich auf eigene Erhebungen und auf ermittelte Zahlen des Bundesamts für Statistik. Demnach sind zur Zeit 30 Mio. Erwerbstätige in Deutschland in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis beschäftigt. Weitere sogenannte Erwerbstätige haben offensichtlich eine nicht sozialversicherungspflichtige Tätigkeit. Zur Zeit erhalten ca. 12 Mio. Bürger ALG II - Leistungen, wobei nicht bekannt ist, wieviel Bürger ausschließlich ALG II - Leistungen beziehen (wahrscheinlich ca. 3 Mio.) und wie groß der Anteil der Bürger ist, die zu ihrem Arbeitslohn ALG II - Leistungen beziehen, da sie von ihrem Arbeitslohn allein nicht leben können.

 Betrachtet man die tatsächlichen Zahlen, dann ist festzustellen, daß zwar die Zahl der Erwerbstätigen sehr hoch ist, sie aber nichts darüber aussagt, unter welchen Umständen die Arbeitnehmer tätig sind. Es ist zudem auch nicht erkennbar, wie sichergestellt ist, daß Bürger, die bis zu drei Arbeitsstellen haben, weil sonst ihr Einkommen zum Lebensunterhalt nicht ausreichen würde, bei den Beschäftigungszahlen nicht mehrfach berücksichtigt werden. Sicher ist, daß mindestens 12 Mio. Bürger auf dem Sozialhilfeniveau leben müssen.

 Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß die Meldung im Deutschlandfunk und in den Nachrichten des ZDF nicht gelogen ist, sie ist aber nicht vollständig, weil den Bürgern ein falscher Eindruck der Arbeitsmarktsituation vermittelt wird.

 Offensichtlich wird nach dem Prinzip verfahren: Eine nichtausgesprochene Wahrheit ist keine Lüge. Als seriöse Pressearbeit würde ich allerdings eine solche Praxis auch nicht bezeichnen.

 

Jörg-Michael Bornemann